Armaturendichtungen für Trinkwasser: sicher, normkonform, langlebig

Leitfaden für Dichtungen in Armaturen/Ventilen: Normen korrekt umsetzen (z. B. DVGW/UBA), passende Werkstoffwahl (u. a. EPDM) treffen und die Lebensdauer über Auslegung, Prüfung und Serviceintervalle gezielt erhöhen.

Key-Takeaways zu Armaturendichtungen Trinkwasser
  • EPDM ist in Trinkwasser-Armaturen meist die erste Wahl – entscheidend sind Rezeptur, Vernetzung (oft peroxidisch) und der Konformitätsnachweis.
  • Die Standzeit wird selten „vom Wasser“ begrenzt, sondern von Temperaturprofil, Desinfektionsmitteln (Chlor/Chloramine), Druckwechseln und Kompression/Relaxation.
  • Für Ventile gilt: Statisch dicht ist anders als bewegte Dichtstellen – Reibung, PV-Wert, Schmierstoffe und Oberflächen entscheiden über Verschleiß.
  • Serviceintervalle sollten aus Validierung (Prüfstand/Medienlagerung) abgeleitet und nach Feldfeedback feinjustiert werden – nicht „Pi mal Daumen“.
  • Normen/Regelwerke ändern sich: Spezifikation immer mit aktuellem Stand prüfen und dokumentieren.

Armaturendichtungen Trinkwasser: Werkstoffe im Überblick (Steckbriefe)

Für Trinkwasser-Armaturen sind Konformität, Migration/Organoleptik und mikrobiologisches Verhalten genauso wichtig wie Temperaturfenster und Druckverformungsrest.
Passende Markt-Einblicke finden Sie auch unter Fluide (Trinkwasser, Pumpen, Ventile).

EPDM (Trinkwasser)
kalt/heiß
Stärken: sehr gut für Wasser/Heißwasser; gute Ozon-/Alterungsstabilität; wirtschaftlich.
Grenzen: nicht mineralölbeständig; empfindlich bei falschen Schmierstoffen/Additiven.
Typisch: Sitzdichtungen, Membranen, O-Ringe in Ventilen; bevorzugt mit nachgewiesener Trinkwasser-Konformität.
VMQ (Silikon)
−60…+200 °C
Stärken: sehr weites Temperaturfenster; weich/komfortabel bei Montage; gute Alterungsstabilität.
Grenzen: Abrieb/Einrisse bei ungünstiger Dynamik möglich; Chemie-/Additivverträglichkeit prüfen.
Typisch: Dichtungen mit großen Temperaturwechseln (z. B. Mischarmaturen, Heißwasser-Spitzen).
HNBR (Spezialfall)
bis ~150 °C
Stärken: gute Wärme-/Ozonbeständigkeit; robust in mechanisch fordernden Anwendungen.
Grenzen: Trinkwasser-Eignung immer rezepturspezifisch nachweisen (nicht „automatisch“ gegeben).
Typisch: Kombination aus Temperatur, Dynamik und anspruchsvoller Mechanik; Validierung zwingend.
FKM (hochbeständig)
bis ~200 °C
Stärken: hohe Temperatur- und Medienbeständigkeit – interessant bei Reinigungs-/Chemieeinfluss.
Grenzen: kostenintensiver; Tieftemperatur-Elastizität begrenzt; Trinkwasser-Nachweis prüfen.
Typisch: Sonderarmaturen/Prozessnähe, wenn EPDM/VMQ nicht ausreichen.

Armaturendichtungen Trinkwasser – welches Material/Verfahren wofür?

Kurzantwort: Für die meisten Trinkwasser-Ventile und Armaturen ist EPDM (mit passender Rezeptur und dokumentierter Konformität) die robuste Basis.
VMQ punktet bei großen Temperaturwechseln, FKM ist ein Spezialwerkstoff für besondere Medien-/Reinigungsprofile, HNBR kann bei hoher mechanischer Belastung interessant sein – jeweils nur mit anwendungsspezifischer Validierung.

1) Medium + Additive zuerst festziehen
Trinkwasser ist nicht „neutral“: Desinfektion (Chlor/Chloramine), Warmwasser, Stagnation, Reinigungszyklen und Montagefette verändern die Alterung.
Definieren Sie die Worst-Case-Profile (Konzentration, Temperatur, Kontaktzeit).
2) Dichtprinzip entscheidet über Verschleiß
Statische Dichtung (O-Ring/Flachdichtung) toleriert andere Werkstoffe als dynamische Sitze/Schieber. Bei Dynamik zählen Reibpaarung, PV-Wert, Oberflächen und Abrieb.
3) Konformität sauber dokumentieren
Für Trinkwasser sind UBA-Bewertungsgrundlagen und praxisnahe Prüfungen (z. B. mikrobiologisches Verhalten nach DVGW) relevant.
Konformitätsdokumente zentral ablegen (z. B. in Ihrem Freigabeprozess).

Tipp aus der Praxis: Wenn Sie Normen/Zulassungen pro Artikel bündeln wollen, ist ein zentraler Dokumentenbereich hilfreich – bei REIKA typischerweise über den Download-Bereich.

Matrix: schnelle Auswahl nach Medium & Temperatur – Armaturendichtungen Trinkwasser

Kurzantwort: Die Matrix dient als Startpunkt. Final entscheiden immer Rezeptur, Konformitätsnachweis, Bauraumtemperaturen (Hotspots) und die Prüfstrategie.

Hinweis: Auf dem Smartphone bitte seitlich ↔︎ scrollen.
Profil EPDM VMQ HNBR FKM Hinweis
Kaltwasser (bis ~50 °C) +++ ++ + + Standardprofil; Fokus auf Migration/Organoleptik und mikrobiologische Unbedenklichkeit.
Warm-/Heißwasser (60–90 °C) ++ ++ + ++ CS/Relaxation wird zum Lebensdauer-Treiber: Hotspots im Gehäuse und Stagnation berücksichtigen.
Desinfektion (Chlor/Chloramine) ++ + + ++ Oxidative Alterung möglich: Rezeptur, Vernetzung, Additivpaket und Prüfmedium realistisch wählen.
Thermische Desinfektion / Kurzzeitspitzen + ++ o ++ Achtung Relaxation: Dichtung kann „setzen“ und später lecken. Nachweis über CS/Relaxation + Funktionsprüfung.
Legende: +++ sehr gut · ++ gut · + geeignet · o bedingt · ungeeignet.

Für angrenzende Anwendungen (Pumpen, Membranen, Wasser-Handling) lohnt sich auch ein Blick in unsere Märkte-Übersicht.

Compression Set & Stress-Relaxation – kurz erklärt

Kurzantwort: Der Druckverformungsrest (Compression Set, CS) beschreibt, wie stark eine Dichtung nach längerer Kompression „gesetzt“ bleibt.
Stress-Relaxation betrachtet zusätzlich den Kraftabfall über Zeit – in Ventilen und Armaturen oft der direkte Leckage-Treiber.

  • Temperatur beschleunigt beide Effekte: Hotspots (z. B. nahe Heizeinsatz/Metallkern) sind relevanter als die mittlere Wassertemperatur.
  • Kompressionsgrad zählt: Zu hohe Quetschung erhöht Relaxation und Verschleiß; zu niedrige Quetschung reduziert Dichtpressung.
  • Werkstoff + Rezeptur entscheidet: „EPDM“ ist nicht gleich „EPDM“ – Vernetzung, Füllstoffe und Additive prägen CS und Migration.

Relevante Normen & Zulassungen – Armaturendichtungen Trinkwasser

Kurzantwort: Für Trinkwasser müssen organische Materialien hygienisch geeignet sein. In Deutschland ist die KTW-Bewertungsgrundlage (UBA) zentral; zusätzlich wird häufig das DVGW-Arbeitsblatt W 270 (mikrobiologisches Verhalten) in der Praxis herangezogen.

So setzen Sie Normanforderungen praxisnah um
  1. Materialfreigabe (Konformitätsdokumente, Rezeptur-/Charge-Bezug) definieren und im Änderungsprozess absichern.
  2. Bauteilprüfung unter realen Bedingungen: Temperaturspitzen, Desinfektion, Stagnation, Montagefett, Druckwechsel.
  3. Design-Review: Quetschung, Spalt, Oberflächen, Reibpaarung, Medienpfade (Taste/Odor-Risiken minimieren).

Wenn Sie im Projekt zusätzlich Wert auf nachweisbare Prozesse legen: Ein ISO-basiertes QM-System (z. B. ISO 9001) ist ein starker Rahmen – Details zu REIKA finden Sie unter Über uns.

Auslegungs-Checkliste

Kurzantwort: Je klarer Medium, Temperaturprofil und Dichtprinzip beschrieben sind, desto schneller wird die Materialauswahl belastbar – und desto stabiler wird die Lebensdauerprognose.

  • ✓ Medium/Medien: Trinkwasser (kalt/warm), Desinfektion (Chlor/Chloramine), Reinigungsmedien, Stagnation
  • ✓ Temperaturprofil: min/nominal/max, Dauer vs. Peaks, Hotspots (Gehäuse/Metallkerne)
  • ✓ Dichtprinzip: statisch/dynamisch, Sitzdichtung/Schieber/O-Ring, Bewegungsweg & Frequenz
  • ✓ Mechanik: Härte, Quetschung, Spalt/Extrusion, Oberflächen, Reibpartner
  • ✓ Schmierstoff/Montagehilfe: Trinkwasser-geeignet & EPDM/VMQ-verträglich (sonst Quellung/Versprödung)
  • ✓ Ziel-Lebensdauer & Service: gewünschte Standzeit, Inspektionspunkte, Austauschkonzept

Mini-Berechnungen & Parameter

Kurzantwort: Zwei Kennwerte sind für Ventile/Armaturen besonders nützlich: Quetschung (Dichtpressung) und Gland-Füllgrad (Extrusions-/Montagerisiko).

1) Quetschung (Squeeze) – Startwert für O-Ringe
Formel: Quetschung [%] = (dO-Ring − Nut-Höhe) / dO-Ring × 100
Praxis: Statisch häufig moderat starten und nach Funktions-/Relaxationstest optimieren. Zu viel Quetschung erhöht Reibung und Relaxation, zu wenig senkt Dichtpressung.
2) Nut-Füllgrad (Gland Fill) – gegen Extrusion & Montagerisiko
Formel: Füllgrad [%] = (AO-Ring / ANut) × 100
Praxis: Hoher Füllgrad plus Temperaturspitzen kann zu Extrusion/Schäden führen. Genug Raum für Ausdehnung und Quellung einplanen.

Serviceintervalle pragmatisch ableiten:

Starten Sie mit einem frühen Feld-Checkpoint (z. B. nach definierten Schaltzyklen oder einer ersten Einsatzperiode) und koppeln Sie danach das Intervall an die dominierenden Treiber:
Temperaturpeaks, Desinfektionsprofil, Zyklenzahl und CS/Relaxation-Ergebnisse aus Ihrer Validierung.

Use Case & typische Fehlerbilder

Kurzantwort: Die meisten Ausfälle sind Kombinationen aus Werkstoffwahl, Dichtdesign und Prozessbedingungen – und lassen sich mit wenigen „Checks“ früh vermeiden.

Use Case: Mischarmatur mit Warmwasser + Chlor-Desinfektion
EPDM-Sitzdichtung zeigt nach Temperaturspitzen und Stagnationsphasen sinkende Dichtpressung (Relaxation) → tropfende Armatur.
Lösung: Temperaturprofil realistisch testen, Quetschung/Geometrie optimieren, Schmierstoff-Kompatibilität prüfen und Rezeptur/CS-Performance absichern.
Fehlerbild 1: Leckage nach Standzeit
Häufige Ursache: CS/Relaxation + Hotspots. Gegenmaßnahmen: Quetschung feinjustieren, Material/Rezptur prüfen, Funktionsprüfung nach Lagerung/Temperatur.
Fehlerbild 2: Schwergängigkeit/Stick-Slip
Häufige Ursache: Reibpaarung, zu hohe Quetschung, ungeeignetes Montagefett. Gegenmaßnahmen: Oberflächen/Schmierstoff prüfen, dynamische Dichtstelle entlasten.
Fehlerbild 3: Geruch/Geschmack im Wasser
Häufige Ursache: Migration/Extraktion. Gegenmaßnahmen: Konforme Rezeptur, geeignete Nachbehandlung, Prüfstrategie (organoleptisch) und Prozesskonstanz.

Wenn Sie eine belastbare Material- und Lebensdauerentscheidung brauchen, lohnt sich ein kurzer Austausch: Anwendung, Temperaturprofil, Zyklen und Normen genügen oft für eine erste qualifizierte Richtung.

Externe Quellen

Materialsprechstunde buchen – skizzieren Sie Medium, Temperaturprofil & Zyklenzahl; wir schlagen in Kürze eine belastbare Materialoption für Ihre Armaturendichtung vor.

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